Karl Rahner über Pier Giorgio

Ein heldenhafter Apostel Christi

Karl Rahner SJ (1904-1984) war Jesuit und gilt als einer der einflussreichsten Theologen des zwanzigsten Jahrhunderts. Er war Vorbereiter und Sachverständiger zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Lange zuvor, als Junge im Breisgau in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, bekam seine Familie jedoch Besuch von einem zukünftigen Heiligen. Karl war drei Jahre jünger als Pier Giorgio.

Noch Jahrzehnte später konnte sich Rahner an Pier Giorgios Besuch, der sich über mehrere Wochen zog, erinnern.

Pier Giorgio zieht seinen Mut und seine Kraft, ein Christ zu sein, aus dem Christlichen selbst: dass Gott ist, dass das Gebet trägt, dass das Sakrament das ‘Ewige im Menschen’ nährt, dass alle unsere Brüder sind.

Karl Rahner SJ über seine Zeit mit Pier Giorgio

Erinnerungen an die gemeinsamen Wochen im Breisgau

Was an ihm verblüffend war, war seine Reinheit, sein strahlender Frohsinn, seine Religiosität, die ‚Freiheit der Kinder Gottes‘ in Bezug auf allem Schönen in der Welt, sein Sozialsinn, sein Bewusstsein das Leben und das Schicksal der Kirche mit anderen zu teilen. Aber am Überraschendsten war, dass all das in ihm so natürlich und herzlich spontan wirkte.

Auszüge vom Geleitwort zu Luciana Frassatis Das Leben Pier Giorgio Frassatis (1961)

… Um die Gestalt und das Leben Frassatis richtig würdigen zu können, sei hier nur auf weniges aufmerksam gemacht. Wenn ich an die Jahre nach dem ersten Weltkrieg mit ihren “Aufbrüchen”, “Bewegungen” in der Welt und in der Kirche zurückdenke und dann den Eindruck mir vergegenwärtige, den Frassati damals auf mich machte (bevor ich wußte, was ich heute - vor allem über ihn selbst - weiß), dann gestehe ich freimütig, daß ich ihn damals für einen der vielen jungen Christen gehalten habe (zur Zeit der katholischen Jugendbewegung, wo die Kirche in den Herzen neu erwachte), wie es deren viele gab. Nicht als ob nicht auch schon dies als ein Lob und nicht als Einschränkung gelesen werden müßte: der reine, fröhliche, betende, für alles Freie und Schöne aufgeschlossene, von sozialem Verhältnis erfüllte, die Kirche und ihr Schicksal in seinem Herzen tragende junge Christ von jener heiteren und männlichen Selbstverständlichkeit (wie sie Frassati darstellte) ist des Preises auch dann würdig, wenn es deren viele gibt und damals gab. (Ach, hat jener Frühling solcher Verheißungen einen Herbst gebracht, der ihm gerecht würde?) Aber Frassati war mehr. Und das sollte der Leser aus dieser modernen Vita Sanctorum herauslesen. Warum mehr? Ich will es einfach und nüchtern zu sagen versuchen. Gewiß mag Pier Giorgio für den Blick, der nur die Oberfläche des Lebens sieht, keine sonderliche Originalität in seiner Gedankenwelt und seinem Lebensstil in Anspruch nehmen (er wäre auch nie auf diesen Gedanken gekommen). Leute seines Schlages gab es damals - Gott sei Dank - unter den jungen Christen in Deutschland, Frankreich und Italien viele.

Aber ich glaube, es gab doch nicht viele, die aus einem solchen großbürgerlich-liberalen Milieu kamen (das es auch bei uns gab, wenn es auch anders stilisiert war als in Italien, und das - durch seine eigene und der Christen Schuld im ganzen den Weg zum kirchlichen Christentum nicht fan, damals, als wir meinten, aus dem Ghetto und dem Turm auszuziehen und ein Christentum von “heute” exemplarisch vorstellen zu können) und die doch so Christen wurden wie Frassati, ohne daß man dies bei ihm aus dem üblichen psychischen Mechanismus des Protestes der Söhne gegen ihre Väter erklären kann. Denn das ist das Seltsame: eben dieser Protest fehlt ihm. Er ist ein Christ, der einfach da ist, und er protestiert nur, indem er dies ganz selbstverständlich ist, als ob es für alle selbstverständlich wäre. Er zieht seinen Mut und seine Kraft, ein Christ zu sein, nicht aus dem tragenden Widerspruch gegen die Generation seiner Eltern, nicht aus Kulturdiagnosen und -prognosen und ähnlichen Dingen, sondern aus dem Christlichen selbst: daß Gott ist, daß das Gebet trägt, daß das Sakrament das “Ewige im Menschen” nährt, daß alle unsere Brüder sind. Man kann leicht sagen: die praktische und unromantische Veranlagung, die nur “normale” Intelligenz und die Festigkeit des italienischen Sippenverbandes hätten jenes in seinem Neuaufbruch doch kulturzyklisch bedingte Christentum nach dem ersten Weltkrieg bei Pier Giorgio von vornherein unmöglich gemacht. Aber das ist es ja: er wird dennoch ein Christ von großartiger Selbstverständlichkeit, ein kirchlicher Katholik (ohne darum zu aller kirchlicher Routine Ja und Amen zu sagen) voll apostolischen Eifers und praktischer Hilfsbereitschaft. Und eben dies erklärt sich weder aus der Situation der Familie … noch adäquat aus der damaligen kulturellen und religiösen Situation (trotz Sonnenschein, Don Sturzo usw.). Hier wird eben doch geheimnisvoll die Unableitbarkeit der Gnade Gottes spürbar: plötzlich ist wieder ein Christ da, wo Umgebung und Eltern meinten, so etwas sei bloße Vergangenheit. Und er ist fröhlich da, ohne Partei zu werden, die sich absetzt und heftig zu unterscheiden bemüht; er ist da und wird noch - welch ein Symbol! - die Versöhnung der Widersprüche im Leben der Eltern. Ist es übertrieben, wenn ich meine, solche junge Christen seien doch auch damals selten gewesen?

Ein anderes sei noch kurz berührt. Wir alle damals waren sozial interessiert. Natürlich. Aber dieses soziale Interesse, die Liebe zu den Armen und die persönliche Verantwortung vor der Not der anderen waren (oder wurden?) bei Frassati von einer Echtheit, Tiefe und radikalem Opfersinn, die ihn eben doch nicht mehr nur als einen “Fall” unter vielen der jüngeren Christen von damals erscheinen lassen. Ein wenig Vinzenzbruderschaftsarbeit haben damals viele geleistet (Gott sei Dank). Doch werden es auch damals wenig gewesen sein, die unter den Qualen des Todes durch Poliomyelitis an ihre Pflicht gegenüber der Not der Armen gedacht haben. Hier und in anderen Ereignissen diesen Lebens, … bekommt dieses so (trotz aller Problematik der Familie) reiche, so fröhliche, fast heiter-ausgelassene Leben zu Pferd, auf Schiern, in den Bergen, mit Dante und anderen Dichtern, mit Kameraden und jungen Damen, mit Singen und wilden politischen Reden, mit Raufen mit der Polizei (und tausend anderen Schönheiten einer “goldenen Jugend”) (mit Begeisterung hat er davon erzählt und die Fotos gezeigt) plötzlich eine Tiefe und einen Ernst von der letzten Absolutheit des christlichen Glaubens an Gott und das ewige Leben, die das Herz des Lesers treffen. Gott gibt nicht jedem die Gnade, in solcher Jugend zu sterben, in der noch alles die morgendliche Verheißung, Anfang ohne Fehl ist. Und nicht jeder frühe Tod ist die plötzliche Vollendung solchen Anfangs. Hier aber war dieser Anfang ohne Fehl in Freiheit angenommen, das Kreuz des Herrn, das solcher Anfang drohend verheißt, schon umfaßt und der Tod willig eingelassen. Darum darf man jedoch nicht denken, dieses Lebensbild sei nur das Werk jener verklärenden Wehmut, dass der frühe Tod des Jünglings weckt. Hier (soweit dies uns überhaupt zu erkennen gegeben ist, die wir nicht richten können) ein Christ, der mit einer fast erschreckenden Selbstverständlichkeit und einer uns Fragwürdigen fast aufreizenden “Problemlosigkeit” (weil er, obzwar vielleicht weinend, die Probleme in die Gnade des Glaubens versenkte) sein Christentum lebte: betend, das Brot des Todes und des Lebens essend, seine Brüder liebend. … Es gibt viele Christen, auch viele solche, die in Gottes Gnade “heldenhaft” (wie man kirchlich zu sagen pflegt mit einem an sich nicht sehr christlichen Begriff) ihr Christentum gelebt und bezeugt haben. Solche aber gibt es nie zu viele. Und keiner ist “selbstverständlich”, sondern ein Wunder der Gnade Gottes. Wenn der Leser dieses Buches bereiten Herzens liest, begegnet er, so will mir scheinen, einem solchen “heldenhaften” Christen. Dann preise er die Gnade Gottes und bitte Pier Giorgio Frassati für sich und und alle um seine Fürsprache bei Gott.

Diese Auszüge werden mit freundlicher Genehmigung des Herder Verlag und der Deutschen Region der Jesuiten K.d.ö.R. abgedruckt.

In seinem Tod und in anderen Ereignissen diesen Lebens, bekommt dieses so reiche, so fröhliche, fast heiter-ausgelassene Leben zu Pferd, auf Skiern, in den Bergen, mit Dante und anderen Dichtern, mit Kameraden und jungen Damen, mit Singen und wilden politischen Reden, mit Raufen mit der Polizei plötzlich eine Tiefe und einen Ernst von der letzten Absolutheit des christlichen Glaubens an Gott und das ewige Leben, die unser Herz treffen.