Pier Giorgios Liebe zu Deutschland

“Vor zwei Tagen bin ich von Deutschland nach Turin zurückgekehrt. Es war für mich sehr schmerzlich, Dein Land zu verlassen, weil ich in Deutschland außerordentlich viele Freunde habe.”

Pier Giorgio reiste viel in seinen 24 kurzen Jahren. Zwar verbrachte er die meiste Zeit in Turin oder auf dem Familienanwesen in Pollone, doch durch Konferenzen, Kongresse und große Bergtouren war er oft unterwegs. Das einzige andere Land neben Italien in dem er lebte war jedoch Deutschland.

Die Frassatis waren dank seines Vaters dem Land nördlich der Alpen nah verbunden. Dieser hatte sein Jurastudium in Heidelberg abgeschlossen und hatte seine Deutschkenntnisse perfektioniert. Er wollte gerne länger bleiben, doch seine neuen journalistischen und politischen Aufgaben zogen ihn zurück in die Heimat.

Orte, die Pier Giorgio in Deutschland und Österreich unter anderem bereiste

Berlin
Freiburg im Breisgau
Mannheim
Heidelberg
Koblenz
Frankfurt am Main
Bonn
Köln
Düsseldorf
Baden-Baden
München
Wien

1920 wurde Vater Alfredo dann zum italienischen Botschafter in Berlin ernannt. Das zog auch die Familie immer öfter hoch in den Norden. In Berlin verbrachte Pier Giorgio dementsprechend die meiste Zeit, auch wenn er viele andere Orte bereiste. Ein paar Wochen blieb er beispielsweise bei der Rahner-Familie in Freiburg und lernte so auch die beiden großen Theologen Karl und Hugo, die damals noch Kinder waren, kennen - Karl Rahner schrieb sogar das Vorwort für eine Frassati-Biographie, das man hier lesen kann. Pier Giorgio liebte es, kleine Wanderungen im Schwarzwald zu machen. In Wien ging er in die Oper. Und im Ruhrgebiet hatte er mit den Minenarbeitern zu tun, was ihn, als angehenden Bergbauingenieur, zutiefst beeinflusste. Pier Giorgio hatte zwar viele Ideen, was er nach seinem Studium tun könnte - zum Beispiel Missionar in Lateinamerika zu werden oder einfach nur noch in den Bergen zu wandern - doch eine weitere Idee war, ins Ruhrgebiet zu ziehen und seinen Traum zu erfüllen, den Minenarbeitern Christus näher zu bringen. 1923 schrieb er an einen Freund, “in zwei Jahren werde auch ich, wenn Gott mir das Leben gewährt, im Ruhrgebiet arbeiten und als Katholik werde ich den Deutschen so weit wie möglich helfen.”

Berlin war ebenfalls einschneidend in den Lebensplänen des Studenten. Er liebte Berlin, doch war weniger beeindruckt von dem Luxus in dem die Familie dank der Position des Vaters lebte. Von den großen Botschaftsveranstaltungen und Galas der Elite zog er sich zurück. Die Blumen, welche die Botschaft für Events erhielt, verteilte er stattdessen auf den leeren und vergessenen Gräbern am nächstgelegen Friedhof. Wie auch in Turin verbrachte er die Nächte damit, den Ärmsten der Armen zu helfen. Mit Pfarrer Carl Sonnenschein, der als der “deutsche Heilige Franziskus” bekannt war, verbrachte er seine Zeit in den Armenvierteln - und traf dabei die Entscheidung, kein Priester zu werden. Am Vorbild des Pfarrer Sonnenscheins hatte er erkannt, dass er, falls er nach Italien zurückkehren würde, seine Berufung nur als Laie ausleben könnte. Denn in Italien - im Gegensatz zu Deutschland - war das Priesteramt mit zu vielen Vorurteilen und Einschränkungen behaftet. “Im Bergbau möchte ich meinem Volk helfen, und das kann ich besser als Laie tun als als Priester, denn in unserem Land haben die Priester keinen Kontakt zum Volk.” Um Pfarrer Sonnenschein in seiner Radikalität nachzuahmen bot sich das Laientum für Pier Giorgio also viel besser an: Sich den Ärmsten und insbesondere den Minenarbeitern in Christus zu widmen, “das kann ich nicht als Priester tun, aber als vorbildlicher und wahrhaft katholischer Laie kann ich es.”

“Ich fühle mich in Turin mehr wie ein Fremder als in Deutschland.”

“Ich wünschte, ich hätte schon meinen Abschluss, um in diesem schönen Land bleiben zu können, in dem die Menschen sich immer noch ihrer eigenen Verantwortung bewusst sind und ein aufrechtes Gewissen haben.”

“Ich, der ich viel durch Deutschland gereist bin, bewundere heute mehr denn je das Verhalten der Deutschen.”

Nachruf der Österreichischen Alpenzeitung: “Für diejenigen, die Sport verachten, macht [Pier Giorgio] deutlich, dass der Sport mit der erhabensten geistlichen Entwicklung verbunden sein kann. ... Seine Gestalt erhebt sich zu großen Höhen, die über Nationalitäten hinausgehen und in universellen Tiefen verwurzelt sind. Selbst deutschsprachige Bergsteiger richten ihre Gedanken auf das Grab in Pollone.”

Von den Deutschen und der deutschen Kultur war er jedenfalls schwer beeindruckt - und fühlte sich pudelwohl. Schnell begegnete man ihm im Wirtshaus mit einem Bier und einer Studentenpfeife. “Ich fühle mich in Turin mehr wie ein Fremder als in Deutschland,” gab er in einem Brief zu. Und so blieb er dem Land stets verbunden. Er hielt den Briefwechsel mit vielen deutschen Freunden aufrecht. Und immer wieder schickte er Geld an Freunde, damit diese es an Bedürftige verteilen würden - unter Verpflichtung, die Herkunft des Geldes geheim zu halten. Ein Mal schickt er Geld mit dem Kommentar Verwende bitte dieses Geld für die armen Berliner Kinder”, ein anderes Mal geht ein Brief nach Österreich mit dem Text “Es gibt heute viele Kinder und Frauenarbeiter in Wien, die kein Dach über dem Kopf haben und Hunger und Elend ausgesetzt sind. Ich schicke Dir 90.000 Kronen, die mir von meiner Reise übrig geblieben sind, und bitte Dich, das Geld nach Deinem Ermessen zu verwenden. Mein Name soll dabei geheim bleiben.”

Aus seinen Plänen im Jahr 1923, zwei Jahre später ins Ruhrgebiet zu ziehen, wurde nichts. Stattdessen rief ihn 1925 der Vater heim ins Himmelreich. Dieser frühe Tod blieb auch im deutschsprachigen Raum nicht unbemerkt. Die Vossische Zeitung in Berlin beispielsweise schrieb in einem Nachruf: “Er war ein besonders sympathischer junger Mann und zeigte ein außergewöhnliches Interesse an allen deutschen politischen und wirtschaftlichen Fragen. Während seines Aufenthalts in Deutschland hatte er sich bei seinen Zeitgenossen und allen, die regelmäßig den Frassati-Haushalt besuchten, beliebt gemacht. Aus diesen Gründen wird in Berlin der Kummer seiner Eltern, die von einem so grausamen Schlag getroffen wurden, auf besondere Weise empfunden und geteilt.” Die Österreichische Alpenzeitung fasste Frassatis Lebenswerk besonders gut zusammen: “Für diejenigen, die Sport verachten, macht [Pier Giorgio] deutlich, dass der Sport mit der erhabensten geistlichen Entwicklung verbunden sein kann. ... Seine Gestalt erhebt sich zu großen Höhen, die über Nationalitäten hinausgehen und in universellen Tiefen verwurzelt sind. Selbst deutschsprachige Bergsteiger richten ihre Gedanken auf das Grab in Pollone.”

So ist Pier Giorgo auf seine eigene Art ein deutscher Heiliger. Und besteht nicht Pier Giorgios Versprechen aus dem Jahr 1923 weiter? Nach dem Studiumsabschluss, so schrieb er immerhin, wolle er “als Katholik … den Deutschen so weit wie möglich helfen.” Das Studium hatte er zu Lebzeiten nie beendet. Doch wurde es ihm 2001 nachträglich zum 100. Geburtstag verliehen. Die Zeit Pier Giorgios, endlich wieder in Deutschland zu wirken, ist also reif.

Frassati hat in dieser Zeit gelebt, er ist jung wie wir; er ist Laie, Sportsmann, Student der Technik und vor allem ein katholischer Mensch. Näher stünde er uns noch, wäre er ein Deutscher. Aber wenn Frassati auch Italiener war, er war doch deutscher Art verwandt.
— Rolf Fechter (1935)